„Kinder müssen spüren, dass ihre Eltern sie ernst nehmen“ / SOS-Kinderdorf-Experte Oliver Jäger zum Weltelterntag am 1. Juni

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München/Nürnberg (ots) –

Unbeschwert mit Freunden spielen, mit Neugier den Unterricht besuchen, selbstbewusst beim Sport jubeln: Das wünschen sich viele Eltern für ihre Kinder, wenn diese in der Nachbarschaft, in der Schule oder im Sportverein unterwegs sind. Was aber, wenn Eltern bemerken, dass ihre Töchter und Söhne ängstlich sind und sich zurückziehen? „Für ein starkes Selbstbewusstsein brauchen Kinder die Anerkennung ihrer Eltern“, erklärt Sozialpädagoge Oliver Jäger, zuständig für den Kinder- und Betreutenschutz bei SOS-Kinderdorf in Nürnberg und selbst zweifacher Vater, anlässlich des Weltelterntages am 1. Juni. Sein Appell an alle Eltern: „Wir müssen Vorbilder sein und die Kinder spüren lassen, dass wir sie ernst nehmen. So können wir auch besser Gewalt und Unrechtshandlungen vorbeugen.“

Wie können Eltern ihre Kinder im Alltag stärken und zu selbstbewussten jungen Menschen machen?

OJ: Ich bin ein Verfechter der so genannten stärkenden Erziehung. Sätze wie „Nein, das darfst Du nicht“ oder „Das schaffst Du sowieso nicht“ sind oft noch vorherrschend. Eltern sollten aber die positiven Seiten des Kindes in den Vordergrund rücken und mehr loben. Ich halte es für wichtig, dass Kinder von klein auf so erzogen werden, dass sie sich selbstbewusst entwickeln können. Dazu gehört, dass Eltern ihren Kindern Anerkennung geben. Sie müssen merken, dass sie Dinge gut können.

Positive Erziehung – kann das im stressigen Alltag überhaupt funktionieren?

Absolut, es ist nur wichtig, dass auch Eltern ihr eigenes Verhalten reflektieren. Klar darf ich als Vater oder Mutter auch gestresst oder wütend sein, allerdings darf ich mein Kind deswegen nicht bedrohen, beleidigen oder ihm wehtun. Sollte ich gerade mal eine Pause brauchen oder ich komme nicht mehr weiter, ist es vollkommen in Ordnung, meinem Kind zum Beispiel zu sagen: „Tut mir leid, ich kann gerade nicht mehr, ich muss jetzt zehn Minuten durchschnaufen und dann sprechen wir nochmals miteinander.“ Diese Zusage sollte ich dann aber unbedingt einhalten.

Sollten Eltern bei Diskussion oder Streit im Unrecht sein oder unfair sein…

…müssen sie das ihren Kindern gegenüber eingestehen und sich auch entschuldigen. Zudem sollten Kinder immer das Recht haben, ihre Meinung zu äußern. Sie müssen sagen dürfen, dass die Eltern vielleicht mal zu laut oder streng waren oder dass ihnen etwas nicht gefällt. Oft findet man dann einen Kompromiss. So können Kinder ihr Selbstbewusstsein stärken und sie können sich besser schützen, wenn es darum geht, dass ihnen mögliches Unrecht widerfährt. Da gibt es einen klaren Zusammenhang.

Ist zu viel Lob nicht schädlich?

Die Kritik des Zu-viel-Lobens gibt es, aber das Thema reguliert sich im Alltag von selbst. Es wird immer wieder Situationen geben, bei denen Eltern nicht zustimmen können. Auch außerhalb des Elternhauses lernen Kinder, dass sie nicht alles dürfen und das merken sie auch selbst. Untersuchungen bestätigen, dass Kinder mit extrem reglementierender Erziehung und mangelnder Zuwendung nur wenig Selbstvertrauen haben. Dieses Wissen nützen Sexualstraftäter aus, die eher Kinder mit einem geringen Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein suchen. Im Umkehrschluss belegen wissenschaftliche Untersuchungen auch, dass sich selbstbewusste junge Menschen gegen Unrechtshandlungen besser zu wehren wissen, speziell wenn es um sexualisierte Gewalt geht.

Wie können Eltern ihre Kinder denn am sinnvollsten vor Missbrauch schützen?

Wichtig ist, dass Kinder wissen, dass sie ihren Gefühlen vertrauen, sie ausleben dürfen und dass sie sich Erwachsenen bei Problemen anvertrauen können. Gefühle sind deshalb so wichtig, damit Kinder selbst spüren, wenn sie etwas nicht wollen. Wir als Eltern müssen auch in dieser Hinsicht Vorbild sein und die Kinder spüren lassen, dass wir sie mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen ernst nehmen. Auch die Aufklärung über körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt ist wichtig. Wir müssen Kindern beibringen, dass sie das Recht haben, sich zu wehren und Hilfe zu holen. Das sollte nicht nur Aufgabe der Schule, sondern auch des Elternhauses sein. Es gibt gute, altersgerechte Bücher und Internetangebote, die darüber aufklären.

Und wenn Eltern den Verdacht haben, dass den Kindern Unrecht geschehen ist?

Manchmal sind kaum bis gar keine Hinweise auf Unrechtshandlungen erkennbar. Oft sind es aber Verhaltensänderungen, die bei Kindern auffallen. Dann sollten Eltern genau hinschauen, woher diese kommen. Im besten Fall äußert sich das Kind selbst dazu. Das Problem ist dann allerdings, dass Erwachsene nicht immer gut hinhören – und zwar im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Wenn das Kind über eine Erzieherin sagt, sie sei doof, reagieren wir meistens verständnislos. Möglicherweise hat das Kind aber gemeint, dass es beispielsweise beleidigt oder ihm wehgetan wurde. Kinder haben eine andere Art, sich auszudrücken und Probleme anzusprechen. Wenn ich als Erwachsener ein komisches Bauchgefühl habe, sollte ich mir unbedingt Zeit nehmen und nachfragen. Wichtig ist, sich hier gegebenenfalls Hilfe bei einer Fachberatungsstelle oder einer Fachperson zu holen, die sich damit auskennt.

Dürfen und müssen sich Kinder wehren?

Selbstverständlich. Jedes Kind hat das Recht, sich gegen körperliche, sexuelle und seelische Gewalthandlungen zu wehren. Sie dürfen Nein oder Stopp sagen und sich jederzeit Hilfe holen.

Wie kann ich mit der Wut meines Kindes umgehen?

Zunächst einmal müssen wir alle Gefühle, also auch Wut, akzeptieren. Kinder brauchen die Möglichkeit, ihre Wut ausleben zu können. Allerdings werden nicht alle Handlungen akzeptiert, sprich, sie dürfen anderen nicht weh tun oder Dinge zerstören. Ich finde es wichtig, Kindern auch in dieser angespannten Situation zuzuhören und den Raum für Wut zu geben. Es ist völlig in Ordnung, wenn es mal ein paar Minuten schreit. Wichtig ist nur, später über diese Gefühle zu sprechen und nach dem Warum zu fragen.

Welche Handlungsrechte von Kindern und Jugendlichen müsste die Politik stärken?

Die Kinderrechte müssen in das Grundgesetz! Darüber wird schon viel zu lange debattiert. Die aktuelle Regierung hat das Thema zwar aufgenommen, aber bisher noch nicht umgesetzt. Nur mit der Verankerung der Kinderrechte in der Verfassung können wir den Blick auf das Kindeswohl richten und dies auch im gesetzlichen Rahmen in den Vordergrund stellen – auch, um Kinder noch mehr vor Verarmung, Gewalt und Vernachlässigung zu schützen. Außerdem wünsche ich mir mehr Beteiligung! Es braucht stärkere Gremien, damit Kinder auch in der Politik Gehör finden und sich selbst auch an politischen Prozessen beteiligen können. Es ist wichtig, dass Kinder ihre Perspektive einbringen und ihre Interessen vertreten.

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Quelle: ots