Ein Jahr nach der Flut: action medeor zieht Bilanz

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Tönisvorst / Kreis Ahrweiler (ots) –

Ein Jahr ist es her, dass die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands ganze Landstriche verwüstet hat. Kleine Flüsse wie Ahr, Erft oder Rur wurden zu reißenden Strömen, deren Fluten verheerende Schäden anrichteten und über 180 Menschen das Leben kosteten.

Ein Jahr nach der Katastrophe zieht auch das Medikamentenhilfswerk action medeor eine erste Bilanz der Hilfe. Angesichts der Zerstörung traf man bei action medeor im Juli 2021 schnell die Entscheidung, zum ersten Mal in der Geschichte des Hilfswerks in Deutschland tätig zu werden. Für die „Notapotheke der Welt“, die üblicherweise in Schwellen- und Entwicklungsländern tätig ist, eine Zäsur.

Einmal entschieden, ging jedoch alles ganz schnell: Bereits wenige Tage nach der Katastrophe waren Helferinnen von action medeor in den Hochwassergebieten, um erste Hilfsgüter zu verteilen. Kurz danach ging eine erste große Hilfslieferung mit über 40 Paletten im Wert von mehr als 100.000 Euro ins Ahrtal, um ein medizinisches Übergangslager mit Wasserentkeimungstabletten, Ausrüstung und medizinischem Material zu versorgen. In den Dörfern Dernau und Rech wurden solarbetriebene Straßenbeleuchtungen installiert, um in den zerstörten Orten ein Mindestmaß an Sicherheit wiederherzustellen.

Parallel zu den ersten Nothilfemaßnahmen hat sich action medeor am Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur beteiligt. Die Flut hatte Arztpraxen, Apotheken und Senioreneinrichtungen zerstört, es mussten also schnelle und zugleich funktionierende Übergangslösungen gefunden werden, um die Menschen medizinisch und pharmazeutisch zu versorgen.

In Kalenborn, einer Höhengemeinde innerhalb der Verbandsgemeinde Altenahr, hat action medeor zusammen mit Apotheker ohne Grenzen eine Containeranlage aufgebaut, in der die Arztpraxis von Dr. Stefanie Nacke und die Burg Apotheke aus Altenahr untergebracht wurden. Beide hatten ihre ursprünglichen Standorte unmittelbar an der Ahr und wurden durch das Hochwasser zerstört. Durch die Unterbringung im Container konnte die hausärztliche und pharmazeutische Versorgung für viele tausend Menschen im Ahrtal nach der Flut schnell gesichert werden.

Wenn Apothekerin Inge Göttling ein Jahr nach der Flut zurückblickt, tut sie dies mit gemischten Gefühlen. „Es war eine sehr anstrengende Zeit, aber die Unterbringung in der Containeranlage war und ist auch ein Glücksfall“, sagt Göttling. Sie hat mit ihrem Team zunächst in improvisierten Unterkünften weitergemacht, bevor sie den Container beziehen konnte. „Dank der räumlichen Größe dort können wir jetzt ein ausreichendes apothekenübliches Sortiment vorhalten und Notdienste gewährleisten“, berichtet die Inhaberin der Burg Apotheke. Die Zahl der Botenfahrten hat sich dabei nach der Flut fast verdoppelt. Waren es vor der Flut noch 40 Botenfahrten pro Tag, sind es nun rund 70 Touren täglich. Dazu wurde eigens ein Jeep angeschafft, um die immer noch beschädigten Straßen im Ahrtal zu befahren. „Das macht die Rezeptbelieferung deutlich kostenintensiver“, bilanziert Göttling. Aber sie ist froh, nach einem Einbruch der eingelösten Rezepte im Sommer 2021 nun wieder stabile Zahlen zu haben. Das Wichtigste für sie sind jedoch zwei andere Kriterien: „Wir konnten die Menschen auch in der schlimmsten Notlage weiter pharmazeutisch versorgen. Und kein einziger Mitarbeiter musste gekündigt oder in der Arbeitszeit verkürzt werden. Das wäre ohne die Übergangslösung in Kalenborn so nicht möglich gewesen.“

Eine ähnliche Bilanz zieht auch Dr. Stefanie Nacke, die mit ihrer allgemeinmedizinischen Praxis fast zehn Monate in Kalenborn untergebracht war. Inzwischen konnte sie ihre ursprünglichen Räume in Altenahr wieder beziehen und behandelt dort ihre Patienten – mindestens so viele wie vor der Flut. „Eine von drei Arztpraxen in Altenahr wurde nach der Flut geschlossen, deren Patienten habe ich teilweise übernommen“, berichtet Nacke. „Das war eine anspruchsvolle Zeit“, blickt sie zurück. „Wir hatten viele neue Gesichter, dazu im Container neue Räume, die natürlich enger waren. Und gleichzeitig mussten wir viel dichter mit den Patienten arbeiten, weil die Belastung der Menschen nach der Flut groß war und teilweise sehr gesprächsintensive Behandlungen erforderte.“ Aber auch sie zieht unterm Strich eine positive Bilanz: „Wir haben es geschafft, dass die Menschen ihre gewohnten Ansprechpartner hatten und auch weiter vor Ort medizinisch versorgt wurden. Das war für viele ein wichtiger stabilisierender Faktor.“

Von solchen stabilisierenden Faktoren gab es zunächst sehr wenig. „Für die Menschen im Ahrtal war die zweite Hälfte des Jahres 2021 trotz aller Hilfe eine Mischung aus Schock, Trauer und trotzigem Wiederaufbau“, berichtet Sid Peruvemba. Der Vorstandssprecher von action medeor machte sich im Sommer 2021 selbst ein Bild von der Lage. „Wer arbeitsfähig war, war täglich beschäftigt bis an die Belastungsgrenze“, erläutert Peruvemba. „Das Ahrtal wurde zu einer riesigen Baustelle. Da war für Kinder und Senioren mit einem Mal kein Platz mehr. Sie hatten ihr Lebensumfeld praktisch komplett verloren, viele mussten umziehen, Dorfgemeinschaften und Freundeskreise lösten sich auf.“

Aus diesem Grund hat action medeor mehrere Hilfsangebote entwickelt, die sich gezielt an Kinder und ältere Menschen richten. So werden beispielsweise die Seniorennachmittage des Maternus-Pflegedienstes in Rech unterstützt. Teilnehmen können Seniorinnen und Senioren mit und ohne Pflegegrad, Transport und Verpflegung werden durch action medeor finanziert. Für viele Senioren in der Region sind die wöchentlichen Treffen inzwischen ein wichtiger sozialer Treffpunkt geworden, für manche sogar die einzige Möglichkeit, sich mit früheren Nachbarn und Freunden auszutauschen.

In Hönningen, einer weiteren Ortsgemeinde im Ahrtal, wurde mit Containern ein Übergangs-Stützpunkt für die Sozialstation Adenau-Altenahr errichtet. „Die Pflegerinnen der Sozialstation waren in der schwierigen Zeit nach dem Hochwasser für die älteren Menschen da, obwohl viele von ihnen selbst von der Flut betroffen waren“, erläutert Sid Peruvemba. „Allerdings wurden lange Fahrtzeiten zum Problem, denn der ehemalige Außenstützpunkt der Sozialstation in Ahrbrück und mit ihm mehrere Fahrzeuge waren den Fluten zum Opfer gefallen.“ Durch den neuen Stützpunkt in Hönningen wurden diese Fahrtzeiten verkürzt, zudem finanzierte action medeor ein neues Fahrzeug.

Uwe Szymanski, der Leiter der Sozialstation Adenau-Altenahr, kann inzwischen mit Zahlen belegen, was die Hilfe ausmacht: „Wir verkürzen durch den Stützpunkt in Hönningen die Wege, die unsere Pflegerinnen auf der Straße zurücklegen, sehr deutlich. Inzwischen haben wir dadurch rund 45.000 Kilometer und über 1.000 Arbeitsstunden eingespart – Zeit, die wir statt im Auto bei den Patienten verbringen konnten.“

Schließlich wurde action medeor auch für die Kinder im Ahrtal aktiv, deren Welt braun vom Schlamm und Staub geworden war. Einen Lichtblick verschafft ihnen Claudia Olef. Die ausgebildete Tanzpädagogin hat mit action medeor ein Angebot für Kinder von vier bis zwölf Jahren entwickelt, bei dem sie spielerisch ihre Fantasie einsetzen und so auch Erlebtes verarbeiten können. In den Tanzstunden verwandeln sie sich beispielsweise in kleine Feen, die die braune Farbe auf den Straßen wegzaubern. Das Ergebnis ist nicht nur Spaß, sondern auch eine physische und psychische Stabilisierung der Kinder.

Die Hilfsmaßnahmen, die action medeor im Rahmen der Not- und Übergangshilfe umgesetzt und eingeplant hat, summieren sich bislang auf rund 1,5 Millionen Euro. Weitere rund 1,5 Millionen Euro sollen in den kommenden Monaten in Projekte zum Wiederaufbau fließen. Finanziert wurden die Hochwasserhilfen komplett mit Spendengeldern, unter anderem aus dem Bündnis Aktion Deutschland Hilft. Bis 2023 wird der Wiederaufbau im Ahrtal vermutlich andauern.

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action medeor
Dr. Markus Bremers
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Quelle: ots