Rauchentwöhnung und Harm Reduction bei Rauchern – was ist gesichert? Symposium auf dem 37. Jahreskongress der DGG

Mannheim (ots) –

Im Rahmen des 37. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin in Mannheim fand am 15. Oktober 2021 ein wissenschaftliches Symposium zu Rauchentwöhnung und Harm Reduction statt. Durch die Sitzung führten der Organisator Prof. Dr. Martin Storck, Direktor der Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie im Klinikum Karlsruhe und Dr. Bernd Werse, Fachbereich Erziehungswissenschaften am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt. Weitere anwesende hochrangige nationale und internationale Referent*innen auf dem Gebiet der Rauchentwöhnung und des Public Health waren Dr. Elke Pieper, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Risikobewertung, Prof. Dr. Ute Mons, Professur für kardiovaskuläre Epidemiologie des Alterns, Universität Köln, Dr. Leonie Brose, Nationales Suchtzentrum, Institut für Psychiatrie, Kings College London sowie Dr. Thomas Hering, Facharzt für Lungenheilkunde, Beauftragter für Tabakrisiken-Fragen und Tabakentwöhnung im Bundesverband der Pneumologen und Mitglied der Arbeitsgruppe Tabakprävention der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie.

Harm reduction durch weniger schädliche Alternativen

Rauchen ist einer der Hauptrisikofaktoren für Arteriosklerose und kardiovaskuläre Erkrankungen. Trotz dieses Wissens gelingt es vielen ärztlichen Behandlern nicht, Patienten das Rauchen abzugewöhnen, obwohl dies eine effektive und empfohlene Präventionsmaßnahme darstellt. Auch in der Rehabilitationsmedizin sind die Erfolgsraten der Rauchentwöhnung gering. Wo die Rauchentwöhnung nicht gelingt, kann das Prinzip der Harm Reduction greifen, indem auf eine weniger schädliche Alternative ohne Tabakverbrennung ausgewichen wird – entweder eine medikamentöse Nikotinersatztherapie oder E-Zigaretten und Tabakerhitzer. Entsprechend wurden in diesem Symposium Prinzipien der Harm Reduction und auch Rolle und Bewertung von E-Zigaretten und Tabakerhitzern ausführlich diskutiert.

In einem Einführungsvortrag erläuterte Prof. Dr. Martin Storck die Unterschiede zwischen der Gefährlichkeit von Nikotin (Suchtstoff ohne Krebspotential) und Tabakrauch (mit Risiko Arteriosklerose und Krebserkrankung). Dann folgte ein Vortrag von Dr. Elke Pieper, die wissenschaftlich klarstellte, dass der Gehalt an Schadstoffen in der Emission von E-Zigaretten und Tabakerhitzern um mehr als 85-95% geringer ist als bei Zigarettenrauch, was sich auf die gesundheitlichen Risiken auswirken muss. Konkrete klinische Korrelationen zu diesen toxikologischen Daten liegen nicht vor, insbesondere noch keine Langzeitdaten. Nach Aussage von Pieper ist davon auszugehen, dass bei bestimmungsgemäßem Gebrauch allen Arten von E-Zigaretten und Tabakerhitzern die gesundheitlichen Risiken deutlich geringer sind als beim Tabakrauchen. Zurzeit gibt es keine Daten die besagen, dass von den in der EU verwendeten Aromasubstanzen für E-Liquids zusätzliche gesundheitliche Risiken ausgehen.

Anschließend warf Dr. Thomas Hering die Frage auf, ob E-Zigaretten und Tabakerhitzer zur Rauchentwöhnung wirklich geeignet sind. In seinem Vortrag wies er darauf hin, dass Patienten mit schwerer und End-stage COPD sich „zu Tode rauchen“, also wäre gerade bei Patienten mit schlechter Lungenfunktion ein rechtzeitiger Wechsel auf schadstoffärmere Ersatzprodukte, insbesondere E-Zigaretten, sinnvoll. Damit steht Hering im Gegensatz zu den Aussagen von Fachgesellschaften die jede Art von Inhalation, auch E-Zigaretten, grundsätzlich ablehnen, stimmt jedoch mit den Positionen des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR), der Gesundheitsbehörde in Großbritannien sowie der wissenschaftlichen Fachgesellschaft zu Tabak- und Nikotin-Fragen (SRNT) überein. Die generelle Ablehnung der E-Zigarette (auch kürzlich von der WHO formuliert) wurde von allen Referenten dieses Symposiums kritisch hinterfragt.

Aus schlechten Zahlen ergibt sich politischer Handlungsbedarf

Prof. Dr. Ute Mons berichtete in Ihrem ausführlichen Referat wie die deutsche Tabakkontrolle im europäischen Vergleich dasteht. Spitzenreiter bei Tabakkontrolle und konkreten Rauchentwöhnungs-Angebote angeht, ist das Vereinigte Königreich. Im Ranking von 40 europäischen Staaten liegt Deutschland hingegen auf den letzten Platz. Entsprechend sinken die Raucherquoten in Deutschland nur leicht, und insbesondere bei mittleren und höheren Altersgruppen sind im Zeitverlauf sogar steigende Raucherquoten zu beobachten. Mons sieht hier Handlungsbedarf für die Gesundheitspolitik, um insbesondere diese bislang vernachlässigten Altersgruppen zur Rauchentwöhnung zu motivieren. Harm-Reduction-Strategien können Tabakkontrollstrategien hierbei sinnvoll ergänzen.

Dr. Leonie Brose wies auf die Schwierigkeiten der selbstversuchten Rauchentwöhnung hin. So zeigt eine Erhebung, dass ohne Coaching von 100 Rauchern nur 67 willens sind aufzuhören, 34 einen ernsthaften Versuch unternehmen und nur einer es tatsächlich schafft, langfristig mit dem Rauchen aufzuhören. Diese Erfolgsraten sind so gering, dass unbedingt regulatorische und gesundheitspolitische Maßnahmen ergriffen werden müssen. Insbesondere wies Brose auf die Tatsache hin, dass Nikotin als Suchtstoff in den Ersatzprodukten ausreichend zur Verfügung gestellt werden muss.

Dr. Bernd Werse erläuterte die sogenannte Gateway Theorie („Einstiegsdrogentheorie“), die den Einstieg Jugendlicher in das Zigarettenrauchen über die E-Zigarette nicht bestätigt. Insgesamt hat den Ergebnissen diverser repräsentativer Befragungen zufolge die Zahl der jugendlichen Raucher in Deutschland gerade nach Einführung der E-Zigaretten nochmals stark abgenommen, so dass nicht von einem relevanten Einstiegseffekt geredet werden kann. Die langfristigen Daten einer Repräsentativ-Erhebung in Frankfurter Schulen konnte zudem zeigen, dass Jugendliche, die E-Zigaretten vor dem Rauchen ausprobieren, vergleichsweise selten abhängige Raucher werden. Werse begrüßte ein Werbeverbot für jede Art von suchtmittelartigen Produkten, wies aber darauf hin, dass diese dann auch für Alkohol und andere psychoaktive Substanzen gefordert werden müsste.

Storck wies abschliessend darauf hin, dass in Zukunft durch Fachgesellschaften und auch durch politische Einflussnahmen Fortschritte auf diesem Gebiet erzielt werden müssen, da sonst die gesundheitlichen Schäden durch das Rauchen fortbestehen und zunehmen werden und die deutschen Raucher und die Gesundheitspolitik in Deutschland weiter Schlusslicht in Europa bleiben.

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Quelle: ots

Tanja Schillerhttps://natko.de
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