Mehr Männer holen sich Hilfe bei häuslicher Gewalt. Die Nachfrage nach Männerschutzwohnungen stieg 2022 um zwei Drittel. Doch das Hilfenetzwerk ist weiterhin sehr dünn

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Dresden (ots) –

Zum Weltmännertag am 3. November veröffentlicht die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) eine Nutzungsstatistik und startet mit „Ohne Gewalt leben, Mann (https://www.ohne-gewalt-leben.de/)“ eine Sensibilisierungskampagne für betroffene Männer.

Die zweite Nutzungsstatistik der Männerschutzeinrichtungen (https://www.maennergewaltschutz.de/bundes-netz-maennergewaltschutz/nutzungsstatistik-2022/) (MSE) enthält Daten zu den Nutzern, aber auch zu den Rahmenbedingungen in den Männerschutzeinrichtungen. Die statistische Auswertung der Beratungsanfragen und Unterbringungen in Männerschutzwohnungen bildet das Hellfeld der Männer ab, die stark von häuslicher Gewalt betroffen sind. So stark, dass sie den Schritt in eine Männerberatungsstelle gehen, sich dort Hilfe holen und für eine zeitweilige Zuflucht in Schutzwohnungen infrage kommen, wenn ein Platz zur Verfügung steht.

Frank Scheinert, geschäftsführender Bildungsreferent der BFKM:

„Gewalt gegen Männer im Kontext häuslicher Gewalt ist in unserer Gesellschaft ein Tabu, dem mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Mit unserer zum zweiten Mal erstellten Nutzungsstatistik wollen wir genau das tun – wir lenken den Blick auf betroffene Männer. Denn es ist schlimm, aber keine Schande, als Mann betroffen zu sein. Und wer sich Hilfe holt, setzt auch ein Zeichen, dass Männer nicht immer nur stark sein müssen, sondern auch verletzlich sein können.“

Im Jahr 2022 ist laut Nutzungsstatistik die Zahl dieser Hilfeanfragen gegenüber dem Vorjahr um circa zwei Drittel gestiegen, von 251 auf 421. Etwas weniger als ein Viertel der Hilfesuchenden (99) fand im Anschluss an die Beratung Zuflucht in einer der bundesweit 12 Schutzwohnungen. Neun der Männer brachten insgesamt 13 Kinder mit. Fast alle Männer (97 %) berichteten von psychischer Gewalt, die ihnen widerfahren ist, also von Beschimpfungen, Stalking, endlosen Streits und massiven Grenzüberschreitungen. Nahezu drei Viertel der Männer waren zudem zusätzlich von körperlicher Gewalt betroffen. Auch berichtet wurden ökonomische Gewalt (21,2 %), soziale Gewalt (19,2 %) und sexualisierte Gewalt (7,1 %).

In 45% der Fälle waren die Partner*innen auch die Täter*innen. Auch Elternteile (20 %), Geschwister (6,1 %) und Nachbar*innen (5,2 %) wurden als Täter*innen genannt. In vier Fällen erfuhren Männer Gewalt durch erweiterte Familienstrukturen.

Die Anzahl der Männerschutzwohnungen erhöhte sich im Jahreszeitraum von neun auf zwölf. Insgesamt standen den 421 Anfragen 41 Plätze in Schutzwohnungen gegenüber (2021: 29). Vorrangig nehmen Männer aus der Nähe der MSE das Schutzwohnen in Anspruch, entweder aus demselben Ort oder dem anliegenden Landkreis. Nur 16,2 % der Anfragen kamen aus anderen Bundesländern. Das Netz der Männerschutzwohnungen ist noch sehr dünn. Somit ist von einem großen Dunkelfeld auszugehen, weil betroffene Männer in ihrer Nähe keine Hilfe finden. Die Notwendigkeit von räumlicher Nähe der Schutzwohnungen zu den Betroffenen spricht für den Ausbau eines bundesweit flächendeckenden Hilfenetzes für betroffene Männer.

Frank Scheinert, geschäftsführender Bildungsreferent der BFKM:

„Dass Männer am ehesten Hilfeangebote in ihrer Nähe in Anspruch nehmen, ist logisch, denn die meisten der Betroffenen stehen beruflich und familiär mitten im Leben, müssen für Kinder sorgen und zur Arbeit gehen. Derzeit haben wir jedoch in 10 von 16 Bundesländern keine Männerschutzwohnungen. Nur in Nordrhein-Westfalen und Sachsen gibt es fünf bzw. vier Schutzwohnungen pro Bundesland. In den anderen Bundesländern müssen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Denn Träger für Schutzwohnungen stehen oft schon in den Startlöchern. Es fehlen aber Förderzusagen.“

Die angestrebte Aufenthaltsdauer von drei Monaten war für nahezu die Hälfte (41,4 %) der Betroffenen nicht ausreichend, um die Probleme zu klären oder die gewalthafte Beziehung zu beenden und damit wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Die meisten Bewohner (43,4 %) suchten einen klaren Schnitt und zogen nicht mehr in die gewaltvolle Umgebung zurück.

Die BFKM startet am 3. November zeitgleich mit der Veröffentlichung der Nutzungsstatistik die Sensibilisierungskampagne „Ohne Gewalt leben, Mann“. Sie besteht im Kern aus einem Info- und Hilfeportal unter www.ohne-gewalt-leben.de. Als Motive stellten sich selbst von häuslicher Gewalt betroffene Männer und Helfer*innen aus Beratungsstellen zur Verfügung. Sie zeigen mit positiver Grundhaltung Gesicht für die Sensibilisierung von Männern und deren Umfeld, also Freund*innen und Arbeitskolleg*innen. Die BFKM dankt den Betroffenen und Helfer*innen herzlich fürs Mitmachen.

Die Nutzungsstatistik steht hier (https://www.maennergewaltschutz.de/bundes-netz-maennergewaltschutz/nutzungsstatistik-2022/) zum Download zur Verfügung. Auf der Seite kann auch die gedruckte Version kostenfrei angefordert werden.

Die Motive der Sensibilisierungskampagne stehen hier (https://www.maennergewaltschutz.de/voe/ohne-gewalt-leben-mann/) zum Download und zur Verbreitung zur Verfügung.

Der Weltmännertag am 3. November wurde als Aktionstag zur Männergesundheit erstmals im Jahre 2000 durch Andrologen der Universität Wien ausgerufen. Er soll genutzt werden, um das Bewusstsein für gesundheitliche Themen bei Männern zu stärken. Gewaltfreies Leben gehört unbedingt dazu.

Pressekontakt:
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Original-Content von: LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V. – Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz, übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots