Hungersnot in Somalia / SOS-Kinderdörfer warnen: „Wir können die Tragödie von 2011 nicht wiederholen und warten, bis wieder hunderttausende Kinder sterben!“

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Mogadischu (ots) –

„Die jetzige Situation in Somalia ähnelt der im Jahr 2011, ist allerdings schlimmer“, sagt Abdikadir Dakane, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Somalia. Fakt ist: Vor Ort herrscht die schlimmste Dürre seit 40 Jahren, vier Regenzeiten infolge sind ausgeblieben und somit auch ein Großteil der Ernten. Die Folge: Die Menschen verhungern! „Aber dieses Mal dürfen wir nicht wieder warten, bis offiziell vom Staat eine Hungersnot ausgerufen wird, und Kinder in der Zwischenzeit sterben lassen“, mahnt Dakane.

2011 waren über 250.000 Menschen in Somalia während einer Hungersnot gestorben – davon über 50 Prozent Kinder. Damals war die Hälfte der Hungertoten bereits verstorben, bevor die Lage per „Integrated Food Security Phase Classication“ (IPC) offiziell als Hungersnot eingestuft worden war.*

Dasselbe Schicksal droht den Menschen in Somalia eine Dekade später erneut, weshalb die UNOCHA und viele internationale NGOs ebenso wie die SOS-Kinderdörfer Alarm schlagen und Hilfe vor Ort leisten. „Es ist bereits fünf vor zwölf in vielen Teilen Somalias, vor allem in den Regionen Bay und Bakool“, erklärt Dakane. „Schon heute sterben Menschen – und zwar jede Sekunde!“

Katastrophale Hungersnot ab Oktober 2022 in Somalia erwartet

Bereits im Juli waren in ländlichen Gegenden Somalias allein bei den unter Fünfjährigen 24,9 Prozent der Kinder akut unterernährt. Die Sterblichkeitsrate lag bei 1,69 Toten pro Tag pro 10.000 Personen. Die Zahlen steigen seitdem, obwohl rund 25 Prozent der Bevölkerung bereits unterstützt wird. „Doch die Not ist größer als die vorhandenen Hilfsmittel“, sagt Dakane. Außerdem beherrschen terroristische Gruppierungen einige Gegenden des Landes, die zum Teil den Transport von Hilfsmitteln verhinderten.

Prognose: Regenzeit fällt wieder aus

Da die normalerweise im Oktober beginnende Regenzeit voraussichtlich erneut ausfallen wird, ist die Prognose für Somalias Bevölkerung dramatisch: Zwischen 6,7 und 7,1 Millionen Menschen (das entspricht fast der Hälfte der Bevölkerung) wird ab Oktober bis Jahresende 2022 besorgniserregend wenig Nahrung zur Verfügung haben (IPC Phase 3 und 4) oder werden in die katastrophale Hungersnot-Phase 5 rutschen. „Das betrifft dann mindestens 300.000 Menschen, wenn jetzt kein Wunder in Form von Regen oder erweiterten Hilfsmaßnahmen geschieht“, sagt der nationale Leiter der SOS-Kinderdörfer. „In Somalia ist die Klimakrise bereits Realität und betrifft das Land stärker als seine Nachbarstaaten“. 90 Prozent der Fläche Somalias ist von der anhaltenden Dürre betroffen.

Situation in Somalia Stand September 2022:

– Unterernährung bei Kindern: Circa 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind akut unterernährt. Tendenz steigend: Mindestens 1,8 Millionen (das entspricht 55% aller somalischen Kinder) akut unterernährte sowie rund 515.000 lebensgefährlich mangelernährte Kinder wird es bis zum Frühjahr 2023 geben, wenn sich die Situation nicht gravierend verbessert.
– Armut: Rund 69 Prozent Somalier leben unterhalb der Armutsgrenze.
– Flüchtlinge: Allein seit Januar 2021 hat über eine Million Menschen ihr Zuhause verlassen müssen, um vor dem Hunger oder Konflikten zu flüchten. Über 650.000 Menschen sind aus Somalia geflohen. Derzeit gibt es zudem 2,9 Millionen Binnenvertriebene im Land, davon sind etwa 60 Prozent Minderjährige. Viele suchen Hilfe in Flüchtlingscamps – v.a. in der Bay-Region. Von ihnen sind etwa 25 Prozent unterernährt.
– Tod von Nutztieren: Über drei Millionen Nutztiere sind aufgrund der Dürre und ihren Folgen wie Wasser- und Nahrungsmangel gestorben.

Weitere Probleme in Somalia: Bildungsmangel, Kinderehen und Inflation

Aufgrund der anhaltenden Armut, Dürre und instabilen politischen Lage des Landes haben immer mehr Minderjährige keinen Zugang zu Bildung. Es kommt zu mehr Schulabbrüchen und forcierten Kinderehen. „Verzweifelte Eltern verheiraten ihre viel zu jungen Töchter, um die Mitgift zu erhalten sowie einen Esser weniger am Tisch zu haben“, berichtet Dakane. „Die Lebensmittelpreise sind selbst bei Grundnahrungsmitteln um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Die Inflation schiebt immer mehr Familien in die Armut.“

Kein sauberes Wasser in Somalia

Es herrsche laut Dakane nicht nur ein Mangel an Nahrung, sondern auch an Trinkwasser. In einigen Gegenden hätten lediglich vier Prozent der Menschen Zugang zu gesundheitlich unbedenklichem Wasser, landesweit seien es etwa 30 Prozent. Über sechs Millionen fehlt es zudem an sanitären Anlagen, weshalb die Ausbreitung von Magen-Darm-Krankheiten zusätzlich begünstigt werde. Allein im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 10. Juli 2022 wurde aus 25 von der Dürre betroffenen Distrikten insgesamt 7.796 Cholera-Fälle gemeldet, darunter 37 Todesfälle. Generell fehlt es an medizinischer Hilfe und Medikamenten im Land. In letzter Zeit komme es laut Dakane vermehrt zu Masern-Infektionen.

Die SOS-Kinderdörfer in Somalia

Die SOS-Kinderdörfer sind seit 1983 in Somalia aktiv und unterstützt Kinder und Familien mit kurz- und langfristigen Mitteln: „SOS verdoppelt aktuell seine lebensrettenden Maßnahmen, um das Leben der am stärksten gefährdeten – vor allem Kinder und Frauen – in Somalia zu retten,“ berichtet Dakane. Unter anderem erhalten akut Betroffene Wasser, Nahrungs- und Hygienemittel sowie medizinische Versorgung. Sie bieten Kindern Schutz, Schulbildung sowie psychosoziale Hilfe. Eine SOS-Klinik in Mogadischu ist speziell auf die medizinischen Bedürfnisse von Schwangeren, Müttern und Kindern ausgerichtet. Um Familien wieder in die eigene Kraft zu bringen, helfen SOS-Mitarbeiter ihnen mit gezielten Trainings zurück in die Eigenständigkeit. Um trotz Dürre anbauen zu können, haben wir verschiedene landwirtschaftliche und Umwelt-Projekte, um Nahrungssicherheit zu gewährleisten.

*Eine Hungersnot der Stufe 5 wird von der IPC festgestellt, wenn in einer Gegend mindestens 20 Prozent der Bevölkerung einen extremen Mangel an Nahrung haben und mindestens 30 Prozent der Kinder unterernährt sind sowie es zwei erwachsene oder vier minderjährige Todesfälle pro 10.000 Einwohner pro Tag (!) gibt aufgrund von Verhungern oder Folgen langanhaltender Unterernährung. Seit der Einführung von IPC 2004 hat es erst zweimal die Phase 5-Einstufung gegeben: in Teilen Somalias 2011 und des Südsudans 2017. Nun steht Somalia wieder an der Schwelle.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Boris Breyer
Pressesprecher
SOS-Kinderdörfer weltweit
Tel.: 0160 – 984 723 45
E-Mail: [email protected]
www.sos-kinderdoerfer.de

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Quelle: ots