„Gesundheit darf nicht vom Portemonnaie abhängen“ / Christian Katzer, Chef der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen im Interview mit NOMOS Glashütte

Glashütte (ots) – Menschenleben retten – das geht auch mit mechanischen Armbanduhren: Bereits im zehnten Jahr kooperiert die Uhrenmanufaktur NOMOS Glashütte mit Ärzte ohne Grenzen (MSF), baut Uhren für die Nothilfe, stets erkennbar an der roten Zwölf. Christian Katzer, Chef von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, über die Zusammenarbeit, über den 50. Geburtstag von Ärzte ohne Grenzen und Herausforderungen für seine Organisation in Zeiten von Corona.

Herr Katzer, 1971 wurde Ärzte ohne Grenzen in Paris gegründet, in diesem Jahr also gibt es Ärzte ohne Grenzen schon 50 Jahre. Ein Grund zu feiern?

Ja und nein. Natürlich ist es ein Grund zu feiern, dass Ärzte ohne Grenzen so viele Jahre offenbar vieles richtig gemacht hat und gute Arbeit leistet. Andererseits ist es besorgniserregend, dass wir immer noch so dringend gebraucht werden und die Not weltweit immer noch so groß ist.

Corona bestimmt unser aller Leben. Aber sind nicht auch für Sie Epidemien und medizinische Ausnahmesituationen Alltag und Routine?

Nein, gewiss nicht. Auch für uns war und ist diese Pandemie eine große Herausforderung. Ein Beispiel: Das Reisen in die Projektländer wurde auf einmal viel schwieriger, weil es Einreisebeschränkungen, Quarantänepflichten und mehr administrative Anforderungen gab. Zudem war auch dringend benötigtes Material wie Schutzmasken oder Sauerstoff knapp, und unsere Logistik muss bis heute flexibel reagieren. Auch unser Team im Berliner Büro ist wie alle in Deutschland betroffen von Homeoffice, Homeschooling und vielem mehr.

Wie hat die Pandemie die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen verändert?

Das ist von Projekt zu Projekt sehr verschieden. Für alle gilt, dass wir die Hygienemaßnahmen verschärfen mussten. Also: mehr Schutzkleidung, getrennte Wartebereiche, viele Schulungen. Dann gibt es spezielle Covid-19-Projekte, die wir nach Bedarf eröffnen. In Indien, Brasilien und Peru hat sich die Lage kürzlich so zugespitzt, dass wir dort neue Projekte aufgebaut haben.

Was ist die derzeit größte Herausforderung für Ärzte ohne Grenzen?

Es gibt viele Themen, die uns neben der Covid-19-Pandemie extrem fordern: Konflikte und Vertreibung, Epidemien – und die Frage, wie wir die Menschen bestmöglich erreichen, die darunter leiden. Hinzu kommt die Klimakrise, die auch medizinische Folgen hat: Dürren, die zu Mangelernährung führen, oder Wirbelstürme, die Häuser und die Lebensgrundlagen vieler Menschen zerstören. Gleichzeitig haben wir auch wichtige interne Herausforderungen. Als Organisation müssen wir mit der Zeit gehen und unsere eigenen Strukturen stetig hinterfragen. Es geht zum Beispiel darum, wie wir die Bedürfnisse der Menschen noch besser verstehen und unsere Hilfe dementsprechend anpassen können.

Aus der Manufaktur NOMOS Glashütte gibt es – jetzt erstmals weltweit und in einer Auflage von 2.021 Stück – ein Sondermodell für Ärzte ohne Grenzen; eine Uhr, erkennbar an der roten Zwölf. 100 Euro dieser mechanischen Uhr fließen an Menschen in Not. Was können Sie mit diesen 100 Euro pro Uhr aktuell tun?

Viel! Alle zwei Minuten stirbt weltweit ein Kind an Malaria. Mit 100 Euro können wir zum Beispiel 39 Moskitonetze für Menschen in Not finanzieren. Die Netze halten Stechmücken ab, die tropische Krankheiten wie Malaria übertragen. Oder wir können das sterile Material – Handschuhe, Schere und Nahtmaterial – für zehn Geburten bereitstellen. Ohne dieses kommt es häufig zu lebensbedrohlichen Infektionen.

Ärzte ohne Grenzen wird 50, aber es gibt noch eine runde Zahl: Im nunmehr zehnten Jahr befindet sich 2021 auch die Kooperation zwischen MSF und NOMOS. Wie wird die Zusammenarbeit mit der Uhrenmanufaktur NOMOS Glashütte bei MSF diskutiert? Warum machen Sie das, passt das?

Zu Beginn der Zusammenarbeit gab es schon Diskussionen. Das Thema Kooperationen war für uns neu. Also kamen Fragen auf wie: Was passiert, wenn einer der Partner öffentlich in die Kritik gerät? Passen unsere Zielgruppen überhaupt zusammen? Heute kann ich sagen, dass die Kooperation ein großer Erfolg für beide Seiten war und ist. Deutlich über eine Million Euro sind in dieser Zeit für unsere Hilfsprojekte bereits zusammengekommen. Und ich finde es schön, dass NOMOS Glashütte sich darüber hinaus engagiert, zum Beispiel in der öffentlichen Diskussion um Fremdenhass oder mit einem Statement zur Seenotrettung. Als die Kritik auch mal sehr laut wurde, hat NOMOS uns immer – um im Bild der Seefahrt zu bleiben – Rückenwind gegeben.

Was müsste geschehen, dass „bessere Zeiten für viele“ tatsächlich Wirklichkeit werden?

Vor allem der politische Wille für weltweite Gleichbehandlung muss sich verbessern. Ein konkretes Beispiel ist die Produktion von Impfstoffen gegen das Corona-Virus. Hier muss die Politik sagen: Keine Patente in einer Pandemie, wir müssen schnellstmöglich und überall Impfstoffe herstellen können. Natürlich müssen die Pharmafirmen ihre Entwicklungskosten zurückbekommen. Aber es sind Milliarden Steuergelder in die Entwicklung geflossen, und es geht um Milliardengewinne. Auch bei anderen Medikamenten – zum Beispiel gegen Tuberkulose oder HIV – setzen wir uns seit Jahren dafür ein, dass sie für alle bezahlbar werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Dass Gesundheit nicht vom Portemonnaie oder Geburtsland abhängt.

Pressekontakt:
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NOMOS Glashütte
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Quelle: ots

Tanja Schillerhttps://natko.de
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