Ein Jahr nach den Erdbeben in der Türkei und Syrien / Das Trauma bleibt, doch Aufgeben ist keine Option / „Ein Jahr danach hoffen wir, dass die Welt sie nicht vergisst“

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Köln (ots) –

Ein Jahr nach den verheerenden Erdbeben in der Türkei und Syrien leben Hunderttausende von Überlebenden noch immer in Zelten und Notunterkünften, ohne Zugang zu lebenswichtigen Dienstleistungen. Und die Unterernährung und Armut der Betroffenen nimmt stetig zu. Insgesamt 17 Millionen Menschen haben den langen Weg des Wiederaufbaus noch immer vor sich. Die Schäden sind enorm und die Kosten für den Wiederaufbau könnten sich in beiden Ländern auf bis zu 74,1 Mrd. Euro belaufen. Als Hilfsorganisation unterstützt Islamic Relief die Menschen vor Ort weiterhin bei der Reparatur und dem Wiederaufbau. Auch Emina aus der Türkei und Ahmed aus Syrien kämpfen jeden Tag um das Überleben ihrer Familien.

Besonders gefährdete Menschen, darunter Kleinkinder und ältere Menschen, leben immer noch in Zelten oder einfachen Unterkünften, durch deren Dach im eisigen Winter Regen dringt. Viele Überlebende haben keinen angemessenen Zugang zu medizinischer Versorgung, sauberem Wasser oder Bildung. Auch die 47-jährige Emina aus Kahramanmaras und ihre Familie sind noch immer in einer provisorischen Unterkunft untergebracht und warten auf den Wiederaufbau ihres Hauses. Ein Jahr nach dem Erdbeben ist die Mutter von zwei Kindern noch immer traumatisiert von den Erlebnissen durch die Katastrophe.

„Ich habe große Angst um meine Kinder und stehe immer noch unter Schock“, sagt sie. „In den Monaten nach dem Erdbeben mussten wir viel Leid ertragen. Wir konnten uns nicht an die neue Realität anpassen, aber wir sind Gott dankbar, dass er uns vor Schlimmerem bewahrt hat.“

Die Erdbeben, die sich am 6. Februar 2023 ereigneten, waren die schlimmsten, die die Region seit über einem Jahrhundert heimgesucht haben. Sie töteten rund 57.000 Menschen in der Türkei und Syrien und zerstörten oder beschädigten mehr als 137.000 Häuser. Die Katastrophe traf elf türkische Provinzen, darunter einige der ärmsten Gegenden des Landes und Teile Syriens, in denen die meisten Menschen bereits auf humanitäre Hilfe angewiesen waren. Vom ersten Tag der Katastrophe an war Islamic Relief ein Rettungsanker vor Ort.

Islamic Relief-Teams vor Ort erreichten Zehntausende von Überlebenden nach den Erdbeben mit Nahrungsmitteln, Wasser, Decken und Hygieneartikeln sowie mit Bargeld und Gutscheinen. Emina gehörte zu denjenigen, denen sie direkt helfen konnten. Die Familie erhielt Lebensmittel, Decken und sauberes Wasser sowie Gutscheine, mit denen sie lebensnotwendige Dinge kaufen konnte.

Steigende Lebensunterhaltungskosten und zerstörte Ernten verschärfen den Überlebenskampf

Die Überlebenden der Erdbeben sind jetzt auf langfristige Projekte zum Wiederaufbau und zur Sicherung des Lebensunterhalts angewiesen. Die Ernten und die landwirtschaftliche Infrastruktur wurden durch das Erdbeben vernichtet und die Lebensmittelpreise haben sich verdoppelt. Hunderttausende Menschen kämpfen ums Überleben und auch um die Gesundheit ihrer Kinder.

Ahmad, ein 43-jähriger Vater von fünf Kindern, der aus Syrien in die Türkei geflohen war, hat sein Haus in der Südtürkei im Dorf Yagdöver durch das Erdbeben verloren. Er hatte sich als Hirte ein neues Leben aufgebaut, als das Erdbeben es wieder zerstörte. Jetzt lebt die Familie in einem Wohnwagen.

Ahmad erzählt Islamic Relief von dem täglichen Kampf, seine Kinder im vergangenen Jahr zu ernähren und zu versorgen: „Das Leben nach dem Erdbeben ist noch schwieriger geworden. Die Kosten für alltägliche Dinge wie Nahrungsmittel und Lebensmittel sind in die Höhe geschnellt. Ich erinnere mich noch daran, dass 50 Türkische Lira für unsere täglichen Bedürfnisse ausreichten – jetzt reichen selbst 200 Lira kaum noch aus. Eines meiner Kinder erkrankte und benötigte medizinische Hilfe, die wir uns kaum leisten konnten und die unsere Schulden in die Höhe trieb.“

In Nordwestsyrien sind 3,7 Mio. Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen

In Syrien wurden besonders die Menschen getroffen, die bereits vor den Erdbeben durch Gewalt und Vertreibung auf humanitäre Hilfe angewiesen waren. Im Nordwesten Syriens ist die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittelhilfe benötigen, auf rund 3,7 Millionen gestiegen, doch aufgrund von Mittelkürzungen hat sich die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittelhilfe erhalten, halbiert.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) musste sein allgemeines Nahrungsmittelhilfeprogramm einstellen, so dass viele extrem gefährdete Familien ohne ihre wichtigste Nahrungsquelle dastehen. Helferinnen und Helfer von Islamic Relief berichten von einer Zunahme der Kinderarbeit und von Frühehen, da die Familien um ihr Überleben kämpfen, und von einer steigenden Zahl von Familien, die in einer zunehmenden Verschuldung gefangen sind.

Die humanitäre Hilfe aus aller Welt hat sich enorm positiv auf die betroffenen Gemeinschaften ausgewirkt, aber das Ausmaß der Katastrophe bedeutet, dass viel mehr langfristige Unterstützung benötigt wird.

Mohammed Rebii, Leiter der Mission von Islamic Relief in Syrien, sagt zur Lage:

„Im vergangenen Jahr hat Islamic Relief die Infrastruktur und Lebensgrundlagen wiederaufgebaut, aber der Bedarf ist immer noch enorm und die Folgen des Erdbebens zerstören immer noch Leben. Junge Kinder, die ihre gesamte Familie verloren haben, mussten die Schule abbrechen, um Arbeit zu finden. Ältere Menschen schlafen im eisigen Winter in behelfsmäßigen Zelten und wenn sie krank werden, haben sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Landwirte, die ihre gesamte Ernte und Ausrüstung verloren haben, kämpfen noch immer um ihre Genesung und sitzen in der Schuldenfalle. Etwa eine Million Menschen aller Altersgruppen benötigen aufgrund der schrecklichen Szenen, die sie während der Erdbeben miterlebt haben, zusätzlich zu der jahrelangen Bombardierung und Gewalt, psychologische Unterstützung. Ein Jahr danach hoffen wir, dass die Welt sie nicht vergisst“.

Die Erdbeben trafen einige der ärmsten Gemeinden in der Region – schon vor den Erdbeben waren 90 Prozent der Menschen im Nordwesten Syriens auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben.

Islamic Relief leistete unmittelbar nach den Erdbeben Nothilfe in der Türkei und Syrien und hat im vergangenen Jahr Häuser wiederaufgebaut, Infrastrukturen wie Wassersysteme, Gesundheitseinrichtungen und Schulen repariert und Bauern und Hirten bei der Wiederherstellung ihrer Lebensgrundlage unterstützt. Die Hilfsorganisation unterstützt zudem rund 4.000 Waisenkinder, die von dem Erdbeben betroffen sind.

„Wir stehen jetzt vor vielen Herausforderungen, aber eure Hilfe erleichtert unsere Last“, hat Emina betont. Und auch Ahmad bezeichnet seine Geschichte als „eine Geschichte der Widerstandsfähigkeit und der Hoffnung“. Deswegen bekräftigt Islamic Relief am Jahrestag der jüngsten tödlichen Beben ihr Engagement als Hilfsorganisation für Überlebende wie Ahmad und Emina. Menschen, die durch diese Katastrophe geschädigt, aber nicht gebrochen wurden.

Weitere Informationen unter www.islamicrelief.de

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Sara Ahmed Martinez, Pressereferentin
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Quelle: ots